BerlinOnline Textarchiv der Berliner Zeitung
01.06.2004

Datum:   01.06.2004
Ressort:   Wirtschaft
Autor:   Martina Doering
Seite:   12

Der Fluch eines Lottogewinns

Rohstoffvorkommen begünstigen Armut und Kriege. Eine Tagung der Böll-Stiftung befasste sich mit Lösungsvorschlägen

BERLIN, 31. Mai. Das Vorkommen an Erdöl und anderen wertvollen Ressourcen kann ähnliche Folgen haben wie ein Lottogewinn: Die Chancen sind groß, zum Spieler und Alkoholiker zu werden sowie die Familie zu zerrütten. Das statistisch belegte Beispiel stammt aus der Debatte während der Tagung "Der Ressourcenfluch - Rohstoffexporte als Krisenfaktor", zu der die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin eingeladen hatte. Auf den ersten Blick scheint dies paradox: In den letzten Wochen explodierten die Ölpreise. Die Gewinne der erdölproduzierenden Länder stiegen.

Kluft zwischen Reich und Arm

Zahlreiche Berichte, unter anderem der Weltbank, haben jedoch die Auswirkungen untersucht, die der Reichtum an Öl, Erdgas sowie Mineralien auf die ökonomische Entwicklung von Ländern haben: Sie rangieren auf den untersten Plätzen des "Human development Index". Die Schere zwischen Reichtum und Armut klafft immer weiter auseinander, sie sind mit enormen sozialen Problemen konfrontiert, weisen niedrigste Menschenrechtsstandards auf, haben eklatante Umweltprobleme sowie eine hohe Korruptionsrate. Verteilungskämpfe und Bürgerkriege sind die Folgen.

Selbst die Staaten im Nahen Osten gehören in diese Kategorie: Der Reichtum wird als Einkommen im Staats- und Verwaltungsapparat und über Steuerfreiheit verteilt, sowie über das kostenlose Bildungs- und Gesundheitssystem. Doch durch die einseitige Abhängigkeit vom Öl sind ihre Wirtschaften anfällig für Krisen. Es entsteht ein Klientelsystem. Wer nicht dazu gehört, versucht sich den Zugang zum Reichtum zu erkämpfen.

Im Mittelpunkt der Tagung jedoch standen vor allem afrikanische und zentralasiatische Staaten, wie Aserbaidschan, Nigeria und Tschad. Der Zustand dieser Staaten ist bekannt, deren Zukunft düster. Weltweit wird nach Lösungen gesucht, um den Kreis von Ressourcenausbeutung und Instabilität zu durchbrechen. Ein Weg wäre, langfristig die Nutzung fossiler Brennstoffe einzuschränken und durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Darüber wird in dieser Woche auf einer Konferenz in Bonn beraten.

Andere Lösungen zielen darauf ab, die Folgen zu kurieren. Sarah Wykes berichtet von der "Publish what you pay"-Kampagne. Die Unternehmen sollen offen legen, was sie für die Ausbeutung der Rohstoffe zahlen, die Regierungen ihre Einnahmen und deren Verwendung publizieren. Doch die Unternehmen weigern sich aus Konkurrenzgründen, die Eliten sichern mit diesen Einnahmen sich und ihre Regime. Martin Sandbu von der Columbia University New York fordert, die Gelder sollten an die Bürger verteilt werden und als Steuern zurückfließen. Denn der Bürger betrachte Steuern als sein Geld und fordere von den Regierenden Rechenschaft über deren Verwendung.

Der ultimative Lösungsweg, meint der Politologe Douglas Yates, sei es, die Ölförderung und den Verbrauch zu stoppen. Ähnlich radikal klingt der Vorschlag, das Souveränitätsprinzip zu kippen: Alles was sich im Boden befinde, solle fortan der Menschheit gehören - wobei offen bleibt, wer dann von Förderung und Vermarktung profitiert.

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Foto: Im Ölstaat Nigeria kämpfen Moslems und Christen gegeneinander.


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